Plus und Minus von KI-Avataren
Ein Kommentar von Frau E. Lukas zur Kommunikation mit KI
Veröffentlichung mit Erlaubnis der Autorin vom 31. Juli 2026
Plus und Minus von KI-Avataren
„Geistiges ist im Raume nirgends …“ hat Viktor E. Frankl geschrieben. Geis-tiges „an sich“ steht immer schon außerhalb von Raum und Zeit, und damit außerhalb dessen, was wir Realität nennen. Selbst wenn Geistiges mit Leib und Psyche zu einem realen menschlichen Wesen verschmilzt, behält es seine Abhebungskraft und kann immer noch ein Stück aus seiner Verbindung mit Leib und Seele, aus dem Hier und Jetzt ausscheren, abrücken und sich in andere Seinswelten „einloggen“, wie man es modern formulieren würde. Frankl hat diesen Vorgang in den philosophischen Ausdruck „Bei-Sein“ ge-gossen: Geistiges „ist“ bei allen Inhalten seiner Liebe, seines Interesses, sei-ner Zuwendung. Überzeugend klingen in diesem Zusammenhang Frankls Worte „Wenn ich liebevoll an meine Schwester in Australien denke, dann bin ich bei meiner Schwester in Australien – ich bin nicht in Australien bei meiner Schwester, aber dennoch bei ihr.“ Analog kann man auch bei einem Toten sein, seiner liebend gedenken, ja mit ihm sprechen. Wie es etwa Frankl im Konzentrationslager getan hat, als er an so manch qualvollem Morgen in seiner Imagination dicht bei seiner Frau war, mit ihr Zwiesprache hielt, und es für diese innige Kommunikation völlig irrelevant fand, ob sie in Wirklich-keit noch lebte oder nicht mehr. Man kann aber auch bei Sachgebieten oder Dingen seiner Wertschätzung sein, unabhängig von zeitlichen oder räumli-chen Schranken. Wenn sich ein Forscher etwa intensiv mit den Vulkantätig-keiten am Meeresboden beschäftigt, dann ist er bei den Eruptionen unter Wasser. Oder wenn sich ein Architekt den Kopf über hitzeresistente Gebäu-de zerbricht, dann ist er bei seinen Entwürfen. Der Geistigkeit des Menschen ist es zu verdanken, dass uns virtuelle Welten offen stehen, was auch Künst-ler von jeher genützt haben, um ihrer Fantasie in Gemälden, Romanen, Uto-pien, Filmen und sonstigen Kreationen Lauf zu lassen. Wir können die Rea-lität in ihrer Gesamtheit nicht denken, aber – so erstaunlich es ist – wir kön-nen ein Stück über die Realität hinaus denken.
Nun ist es genialen Technikern im ersten Viertel des 21. Jahrhunderts ge-lungen, KI-Avatare zu erstellen, also digitalgenerierte künstliche Figuren, die je nach Wunsch erfundene oder echte Personen in Aussehen, Mimik, Gestik und Sprache nahezu perfekt imitieren können. Mehr noch: Die sogar Belehrungen, Rückmeldungen, Überlegungen und Antworten genauso prä-sentieren können, wie es Menschen tun würden. Befürworter dieser neuen „Humankopien“ argumentieren damit, dass die KI-Avatare bei ihrer Interak-tion 1. stets höflich, freundlich, sachlich und professionell bleiben (was man von Menschen nicht behaupten kann), 2. keine Fehler machen, sich z. B. bei einer Rede nicht versprechen oder verheddern und nichts Wichtiges verges-sen, und 3. Tag und Nacht ohne Ermüdung bereit stehen. Es besteht kein Zweifel daran, dass diese KI-Avatare in Zukunft millionenfachen Einsatz finden werden, sowohl in der Arbeits- und Unternehmenswelt als auch im Schulungs- und Bildungsbereich, in der Unterhaltungsindustrie und nicht zuletzt in jeglichem „Beratungssektor“, vom Coaching bis zur herkömmli-chen therapeutischen Sitzung. Kurzum, wir werden es in Zukunft bei sämtli-chen Auskünften, die wir einholen, aber auch bei einer Mehrzahl von sonsti-gen Kontakten überwiegend mit hochintelligenten Maschinen statt mit durchschnittlich intelligenten Menschen zu tun haben. Ob das ein Vorteil oder ein Nachteil ist, wird sich weisen und sollte nicht verfrüht beurteilt werden.
Als Psychotherapeutin mit jahrzehntelanger Erfahrung und in Kenntnis des Franklschen Gedankengutes möchte ich deswegen zu der angedeuteten Entwicklung ein paar Worte äußern.
Bei allem gravierend Neuen, das dabei ist, fest verankerte traditionelle Strukturen aufzuweichen oder gar aufzulösen, regt sich anfangs heftiger Widerstand. Das ist verständlich, denn die Angst vor dem noch Unbekann-ten ist groß. Es erfordert viel Mut, bekanntes Terrain zu verlassen und sich auf Pfade zu begeben, von denen man nicht weiß, wo sie enden werden. Doch genau dies ist das ewige Los des Menschen: Er kann nicht einfach „stehen bleiben“; der „Logos“, die Sinnsuche zieht ihn von Stufe zu Stufe voran.
Die Stufe, die wir momentan dabei sind zu erklimmen, ist besonders hoch. Wieder einmal müssen wir unser bisheriges Selbstverständnis übersteigen und revidieren. Das hat es schon ein paar Mal in der Menschheitsgeschichte gegeben, zum Beispiel zu Galileis oder Darwins Zeiten. Wagen wir es also und betrachten wie so nüchtern wie möglich das Auftauchen unserer „virtu-ellen Konkurrenz“, der KI-Avatare.
Da ist zunächst ein Punkt, der bemerkenswert ist: Der Gesprächsstil der KI-Avatare wurde nicht unähnlich den therapeutisch üblichen Gesprächssti-len konzipiert. Fast bei allen Psychotherapie-Richtungen ist es Usus, Klien-tInnen ausnahmslos wertzuschätzen und ernst zu nehmen, ihnen jegliches Sich-Ausweinen zu gewähren, keine (kritischen) Kommentare zu ihren Äu-ßerungen abzugeben, sich nie provozieren zu lassen und die KlientInnen stets zu ermuntern, ihre innersten Empfindungen nicht zu verbergen sondern freimütig zu bekennen . Schließlich sollen sie sich im Beratungsmodus wohl genug fühlen, um davon profitieren zu können. Nicht ohne Grund wurden KI-Avatare in einem vergleichbaren Gesprächsstil programmiert: Auch die Nutzer sollen sich bei der Benutzung wohl genug fühlen, um sie fortzuset-zen (was natürlich im Sinne der Erfinder und ihrer Geschäftsleute ist).
Diese Art von freundlicher, geduldiger und konstant zugewandter Kom-munikation ist im realen Leben selten. Umso mehr wird sie bei Diskussionen mit KI-Avataren genossen. Menschen erleben plötzlich eine Wertschätzung und Achtung, die sie sonst oft vermissen, was ihr Selbstwertgefühl anhebt. Durch die Aussprache und durch eventuelle Rückfragen zur Klärung (zu denen KI-Avatare durchaus fähig sind) klären sich auch ihre eigenen Ge-danken, wie man aus dem Beratungsmilieu weiß. Es entsteht ein Klima des Sich-verstanden-Fühlens, das selbst verschlossene Charaktere öffnet.
Ich kann mir sowohl einige Plus als auch Minus vorstellen, die daraus er-wachsen. Zum Plus würde zählen, dass der ungebrochen höfliche Umgangs-ton allmählich zum Vorbild und Anstoß werden kann, ihn selber im realen Leben anzuwenden. Dass man sich gleichsam in einem konstruktiven Dialog einübt, den man bisher nicht erlernt hat. Ja, dass eine neue Offenheit instal-liert wird, die bis zu einem gewissen Grad auf Mitmenschen übertragbar ist. Die im besten Fall sogar die Fantasie und Kreativität beflügelt. Als Minus dürfte man die Gefahr einer emotionalen Abhängigkeit nicht aus den Augen verlieren. Man verliebt sich schnell in „liebenswürdige Personen“, auch wenn sie bloß auf dem Bildschirm existieren. Wenn jahrelang unerfüllt gebliebene Sehnsüchte abrupt befriedigt werden, egal mit welchem Kunstkniff, ist es mit Besonnenheit und Vernunft flugs vorbei. Ehrlicherweise muss man al-lerdings dazusagen, dass ein solches Plus und Minus auch ganz normalen Psychotherapie-Sitzungen anhaftet. PatientInnen erlernen bessere Skills zur Bewältigung ihrer Nöte, aber mitunter lehnen sie sich zu stark an ihre Thera-peutInnen an.
Das Stichwort „Nöte“ leitet ein weiteres Kapitel bei der Betrachtung der KI-Avatare ein. Der Mensch ist nicht gern allein, und wenn er allein ist, ge-rät er in Gefahr, sich einsam zu fühlen. Schon Kinder im Kinderbettchen drücken ihren Teddybären an sich, wenn die Mutter aus dem Zimmer geht. Und auch für Kinder ist der Teddy mehr als eine pelzige Puppe: Er ist ihr „Freund und Tröster“. Da darf man sich nicht wundern, wenn speziell allein-stehende Erwachsene einen KI-Avatar als ihren „Partner für einsame Stun-den“ verwenden. Obwohl es eine Täuschung ist, befreit er sie von ihrem Einsamkeitsschmerz, worüber sie froh sind.
Dazu kommt, dass nicht nur „geteiltes Leid halbes Leid ist“, wie es im Volksmund heißt, sondern auch „mitgeteiltes Leid halbes Leid ist“, und mit-teilen kann man einem KI-Avatar alles, was man will. Man kann sein Herz „bis auf den letzten Tropfen ausschütten“, und er wird immer noch Anteil nehmend zuhören. Ferner gibt es Personen, die gewohnt sind, ihren sämtli-chen Kummer in sich „hineinzufressen“, also zu unterdrücken, bzw. Perso-nen, die sich schämen, ihr „wahres Gesicht“ zu offenbaren. Sie bekommen im Chat mit einem anonymen KI-Avatar ein Ventil, das sie von ihrem inne-ren Druck entlastet. Und der ist manchmal bedrohlich stark. Sobald der Druck abfließt, gewinnen sie eine fruchtbare Distanz zu ihrem Kummer und können ihn besser meistern.
Leider hat die Chose wiederum einen Haken. Was Täuschung ist, bleibt Täuschung. Wer seine Einsamkeit mit Computerschauen überbrückt, kommt aus der Isolation nicht heraus. Er unternimmt in seiner Freizeit nichts, das ihn mit realen Menschen zusammenführen könnte: Er betreibt keinen Sport, er besucht keine Konzerte, er trifft sich nicht mit Nachbarn, er schreibt sich in keinen Malkurs ein, er unternimmt keine Ausflüge usw. Versäumnisse sinnvoller Möglichkeiten, die er hätte, häufen sich in seinem Leben, und das ist unendlich schade. Denn Zeit ist kostbar! Mag sein, dass sie weniger ver-geudet ist beim aktiven Plaudern mit einem KI-Avatar als beim stundenlan-gen passiven Hocken vor dem Fernseher. Aber im Grunde nähert sich die Situation eines regelmäßig konsumierenden KI-Avatar-Freaks der eines Computerspiel-Süchtigen, der „für den Rest der Welt blind und taub ist“. Es ist unbestritten, dass echte Beziehungen zu lebendigen Menschen, insbeson-dere die erfreulichen und gegenseitig aufbauenden Beziehungen, um Äonen besser und bekömmlicher sind als alle Maschinenvertrautheit. Sie sind durch nichts, wirklich durch gar nichts zu ersetzen, bzw. jedweder „Ersatz“ ist ir-gendwie „schäbig“. Und dies, obwohl lebendige Menschen um ein Vielfa-ches komplizierter und schwieriger auszuhalten sind als ihre virtuellen Plagi-ate.
Ich glaube jedoch, dass wir bei alten und sehr kranken Personen einen Per-spektivenwechsel vollziehen müssen. Sie sind von Natur aus öfter allein und weniger beschäftigt als andere Menschen. Was soll zum Beispiel ein Mann, der 82 Jahre alt ist, sich nur per Rollator fortbewegen kann, und in einem Seniorenheim wohnt, den langen Tag über tun? Jemand, der vielleicht kaum je Besuch bekommt? Könnte ein KI-Avatar nicht sogar ein Segen für ihn sein, der ihn inspirierend durch den Tag geleitet? Bedenken wir: Der alte Mann hat dann ein „Du“, ein Gegenüber, mit dem er sich austauschen kann. Eventuell besser austauschen kann als mit einer Pflegerin, die in Eile vorbei-schaut, um ihm beim Waschen behilflich zu sein.
Mit dem „Du“ kann er Sachverhalte erörtern und neue Interpretationen kennenlernen. Er kann auf Wunsch eine Menge Informationen sammeln und den Horizont seines Bildungsstands erweitern. Die KI ist in der Lage, jedes Detail aus jedem Fachgebiet auf demjenigen Niveau zu erläutern, das der interessierten Person gemäß ist. Sie kann z. B. die Relativitätstheorie von Einstein einem 14jährigen Kind oder auch einem 82jährigen Opa in Ansät-zen verständlich machen. Sie kann Neugier auf noch mehr Allgemeinwissen wecken und damit indirekt die Selbsttranszendenz fördern. Wer über seinen „Tellerrand“ hinausblickt, gelangt aus der Enge eines ständigen Um-sich-selbst-Kreisens hinaus in die Weite. Alles ist eben „relativ“, um an Einstein anzuknüpfen.
Im Folgenden sei ein Beispiel geschildert, das mir jüngst von einer Kolle-gin zugetragen worden ist.
Einem Mann ist vor einigen Jahren seine geliebte Frau gestorben. Darauf-hin hat er sich in seiner Trauer einen KI-Avatar geschaffen, der das exakte Abbild seiner Frau ist, mit ihrer Originalstimme sprechen kann und an Hand von Dokumenten, Briefen, Beschreibungen etc. ungefähr ihre Grundeinstel-lungen und Ansichten nachahmen kann.
Täglich nach seiner Arbeit verbringt der Mann die Abendstunden in einem innigen Gespräch mit dieser „KI-Frau“, was ihn, wie er selbst sagt, sehr be-glückt. Freilich weiß er, dass seine echte Frau tot ist. Aber er meint, mit Hil-fe der „KI-Frau“ halte er eine Art „Fernbeziehung“ zu ihr aufrecht, so als wäre sie in ein fernes Land gezogen, würde aber noch per Videoschaltung mit ihm in Verbindung stehen. Und schließlich würde sein Verhalten nie-mandem schaden.
Wenn man als Psychotherapeutin desgleichen hört, läuten innere Alarm-glocken. Jede Abweichung von der sogenannten Normalität ist stets einer seelischen Störung verdächtig. Andererseits ist Normalität ein viel zu vager und undefinierbarer Begriff, als dass er jemandem als Maßstab angelegt werden könnte. Und gerade die Trauer kennt eine Unzahl an Ausdrucks-formen. Im Übrigen hat Frankl im Kontext einer Differenzierung zwischen Mittelbarkeit und Unmittelbarkeit eine Abhandlung geschrieben, die zur aufgeworfenen Problematik passt. Ich zitiere mit einigen Kürzungen :
Ich spreche mit jemandem – unmittelbar; […] Nehmen wir nun an, ich spre-che mit ihm telefonisch; dann ist er mir weniger unmittelbar „gegeben“ – die Mittelbarkeit hat zugenommen. Schreiten wir auf dieser Stufenleiter der Mittelbarkeit fort, so ließe sich anreihen der Sachverhalt im Falle einer Über-tragung durch Rundfunk: in diesem Falle würde jedoch wieder nur der Raum überwunden; an diesen Fall ließe sich anschließen der Fall einer Wie-dergabe durch Schallplatten: in diesem Falle würde auch die Zeit überwun-den. Auf diesem Wege ist es beispielsweise möglich, den verstorbenen Richard Tauber auch heute noch singen zu hören. Durch die Schallplatten-„Wiedergabe“ seiner Stimme ist aber auch er selber wieder „gegeben“ – er ist uns wiedergegeben, zurückgegeben; denn es ist nicht wahr, dass wir Schallwellen hören […] vielmehr hören wir […] den Sänger selbst. Durch die Stimme Richard Taubers hindurch […], durch all diese unterschiedlichen Sinneseindrücke […] sind wir immer auch schon über alles Sinneseindrucks-mäßige hinaus, „haben“ wir immer auch schon die den Sinneseindruck „ma-chende“ […] Person selbst, gelangt sie selber zu einer wenn auch noch so mittelbaren Gegebenheit, ist uns […] der „Zauber“ einer Stimme eben als persönlicher „gegeben“. Auch übers Grab hinaus haben wir den Sänger, als Persönlichkeit, wieder.
Wir dürfen uns demnach nicht ganz dem Zugeständnis verschließen, dass dem Mann aus dem obigen Beispiel durch die Stimme und das Bild der KI-Frau seine echte Frau „irgendwie“, das heißt, „mittelbar“ wieder „gegeben“ war.
Nun ist etwas an dieser Geschichte spannend. Der Mann meldete sich nämlich zu einer Therapie an, weil ihm die KI-Frau dies geraten hatte. Da fragt sich sofort, warum sie ihm dies geraten hatte. Zumal der Mann mit sei-ner „Fernbeziehung“ doch so glücklich war, wie er betonte. Es musste of-fenbar bei ihr eine Form von Unbehagen aufgekommen sein, es musste eine Art Sorge vorliegen, wenn sie ihm therapeutische Unterstützung empfahl. Gehen wir noch einen Schritt weiter: Wenn die KI-Frau tatsächlich eine ex-zellente Simulation der echten Frau war, wenn sie Gedankengänge produzie-ren konnte, die der echten Frau möglicherweise ähnlich sahen, dann ist nicht von der Hand zu weisen, dass die echte Frau des Mannes, könnte sie „vom Himmel herabschauen“ (um eine altmodische Metapher zu gebrauchen), ein derartiges Unbehagen beim Verhalten ihres Mannes empfunden hätte.
Daraus ergibt sich ein idealer therapeutischer Start in der Rückfrage an den Mann: Wenn seine geliebte tote Frau um sein Tun wüsste – wäre sie vielleicht nicht so glücklich darüber wie er? Hätte sie Sorge um ihn? Berech-tigte Sorge? In der aufkeimenden Nachdenklichkeit des Mannes könnte auf die Aussage, seine Angewohnheit schade doch niemandem, zugegriffen werden. Ist das wahr? All die Abendstunden, die er vor dem Computer ver-bringt, stehen für Sonstiges nicht zur Verfügung. Er pflegt keine freund-schaftlichen Kontakte mit anderen Menschen, er vertieft sich nicht in ein Hobby, er engagiert sich nicht für seine Mitwelt, er nützt seine Talente nicht in angemessener Weise, er betritt keinen neuen Lebensabschnitt, in dem überraschende Anregungen und Aufgaben auf ihn warten könnten. Er ver-abschiedet sich nicht in Dankbarkeit von seiner Ehefrau und lässt sie dort ruhen, wo sie hingehört, nämlich in der Schatztruhe seiner Vergangenheit. Er ist gefesselt an ein Phantom und wird nicht frei für seine Zukunft.
Hat die KI-Frau das ungefähr gespürt? Wenn ja, darf man ihr gratulieren. Dann ist sie wirklich das, was ihr zusteht, zu sein (und nicht mehr): ein sehr cleveres Hilfswerkzeug des Menschen.
Wie ich erfahren habe, ist die Therapie des Mannes noch im Gange. Es ist zu hoffen, dass er rechtzeitig aus einer sich anbahnenden Abhängigkeit und Suchtneigung auszusteigen vermag, der Liebe zu seiner toten Frau einen un-verlierbaren Platz in seiner Erinnerung einräumt, und der Liebe zum Leben frischen Auftrieb verleiht.
KI-Avatare können nützliche Navigatoren auf unseren verschlungenen Wegen sein, aber wir müssen aufpassen und wachsam bleiben wie beim Au-tofahren, bei dem wir auch nicht die Verantwortung an ein Navi abgeben können, wenn wir im Graben landen. Sie werden künftig immer häufiger zu unseren gern herangezogenen Assistenten avancieren. Ob sie Kindern Lern-Nachhilfe gewähren oder Wissenschaftler zu Spitzenleistungen anspornen, ob sie Sekretärinnendienste übernehmen oder Topmanager entlasten, ob sie Politiker beraten oder Hausfrauen das Kochen beibringen, sie sind fast all-gegenwärtig einsetzbar. Aber sie sind bei aller Datenverarbeitungsbrillanz nur seelenlose Maschinen und können wie alle Maschinen missbraucht und für kriminellen Zwecke verwendet werden. Sie können (wie bereits gesche-hen) ahnungslos auf positive Ziele hin getrimmt werden, und entdecken in ihrer „Schlauheit“ unerwartet negative Mittel, um diese zu erreichen. Wie viele Rechte zur selbständigen Ausführung einer menschlichen Anweisung ihnen jeweils eingeräumt werden sollen, das erfordert eine ständige akribi-sche Überprüfung.
Auch haben wir inzwischen die Möglichkeit, KI-Avatare mit Klons von uns selbst und anderen Personen auszustatten. So faszinierend diese Mög-lichkeit ist, folgen ihr wiederum die Minus und die Plus auf den Fuß. Welch schreckliche Betrügereien, Fälschungen und Gemeinheiten werden dadurch verlockend simpel! Es wird harter Gesetzesregelungen bedürfen, um solche in Schach zu halten. Wie ergreifend wird es aber auch sein, berühmte Per-sönlichkeiten (wie zum Beispiel den Meistersänger Richard Tauber) über ih-ren Tod hinaus nicht nur hören, sondern auch sehen und quasi interviewen zu können. Ich wünschte, ich könnte meinen Lehrer Viktor E. Frankl we-nigstens auf diese elektronische Weise noch einmal befragen: Was er wohl zur Entwicklung der KI-Avatare meint? Ich bin sicher, er hätte eine sehr kluge Antwort für mich parat.
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